schnubiculemus igitur

Felix Hoerburger

 


"Die schnubiglbaierische Mundart, eine Erfindung des Autors, ist Wortspiel und Klangspiel, man tut deshalb gut daran, nicht nachzusinnen über die Bedeutung eines jeden einzelnen Wortes, denn in der Tat werden uns viele Wörter begegnen, die eine konkrete Bedeutung gar nicht haben und bestenfalls nur so klingen, als ob es sie gäbe. Man lausche lieber der Musik nach, die mit solchen Vokabeln gemacht wird." (Felix Hoerburger)

Siauschuacherln (Kurzgeschichten)
Bambuznschtückln (Gedichte)
Plembemperer (rhythmische Stücke)
Halbschnalzer (Stücke im Halbwalzerrhythmus)

MUSIKOLOGE UND SCHNUBIKOLOGE
ZUM GEDENKEN AN PROFESSOR DR. FELIX HOERBURGER
von Thomas Emmerig

Professor Dr. Felix Hoerburger, Musikethnologe, Volksmusikforscher, Sprachschöpfer, Sprachspieler und Komponist, wurde 1916 in München geboren. Von dort führte ihn sein Weg nach Nordbayem und in vier Kontinente dieser Welt. Vom Interesse an der Völkerkunde und Orientalistik gelangte er über die Sinologie zum Studium der Musikwissenschaft und speziell der Musikethnologie an der Universität München bei Kurt Huber und Rudolf von Ficker.

Von der Beschäftigung mit der Volksmusik Bayerns schritt er fort zum vergleichenden Studium der Volksmusik Griechenlands, Afghanistans, Nepals und Taiwans. In Lehrveranstaltungen an bayerischen Universitäten und in Vorträgen, Kongreßreferaten und Gastvorlesungen in vier Kontinenten berichtete er über seine Forschungsergebnisse und erwarb sich so internationales Ansehen.

Der Komponist Hoerburger, der sich seine Orientierung bei Cesar Bresgen, Joseph Haas, Carl Orff und Richard Strauss holte und vor dem Zweiten Weltkrieg möglicherweise Chancen gehabt hätte, bekannt zu werden, ist später kaum jemals in Erscheinung getreten, nicht zuletzt deshalb, weil er sich lange Zeit energisch dagegen wehrte, und weil niemand den Versuch machte, ihn zu einer Aufführung zu überreden.

Der gelegentlich nicht eben zutreffend als "Nonsens-Mundart-Autor" apostrophierte Sprachschöpfer und Sprachspieler Hoerburger, der Schöpfer der sogenannten "nordsüdneuhochschnubiglbaierischen Mundart" und ihrer beiden Idiome des "Schnubiglbaierischen" und des "Schnubiglputanischen" wurde um 1975 bekannt.
Die erkennbaren Wurzeln dieser Tätigkeit reichen zurück bis in seine Studienzeit, als er etwa eine Abhandlung über die Musikalische Tropfenform und eine Muß-ick-Geschichte verfaßte. Beeindrucken ließ er sich von so verschiedenen Persönlichkeiten wie Christian Morgenstem, Carl Orff, Karl Valentin und dem chinesischen Philosophen Laotse. Dazu kam eine umfangreiche Korrespondenz in der Kunstsprache Esperanto.
Im Jahre 1975 erschien ein "schmales" Büchlein: Schnubiglbaieirisches Poeticum. Erschte burzigaugerl Parthie. Dieses Bändchen mit kurzen, zuweilen rätselhaften Gedichten war ein Anfang, eine Premiere. Unter den längeren Gedichten und Geschichten der Neusten Nachrichten aus der schnugelputanischen Provinz von 1977 konnte man ein paar versteckte Hinweise finden:

... manchmal brauch i des einfach
manchmal brauch i
a kloans nonsenserl
auf der straß
oder im omnibus
oder in der vorlesung
a ganz kloans nonsenserl
 
des merkn die leit gar net
weil die koan verstand net habn
für so a kloans nonsenserl
so einen verstand hab bloß i
verschtengerns mi ...

war da zu lesen, Ausdruck dessen, was Hoerburger einmal seine "normdigressive Seele" nannte, und:

... schpassettlmacher miaßat ma sei
da kannt ma den ganzen tag
und manchmal aa die hoiberte nacht no dazua
schpassettln macha
 
schpassettln macha
bisd ganz damisch werast
des waar was bua
des waar was
 
schpassettlmacher miaßat ma sei

Aber es gab in diesem Buch auch anderes zu lesen. Es gab erste Hinweise auf die wissenschaftliche Erforschung der schnubiglputanischen Provinz, als deren Chronist Hoerburger sich verstand. Seine Forschungsergebnisse in dieser Provinz verweisen auf das alte China. So konnte er feststellen, daß die alten Chinesen bereits die Weisheit des "zibuzi" besaßen, die da lautet:

der zibuzi woaß
daß er nix woaß
der zibuzi
 
der zibuzi hoit dgoschn
weil er woaß
daß er nix woaß
der zibuzi
 
wenn er sagt
daß er woaß
na liagt er
der zibuzi
 
wenn er sagt
daß er nix woaß
na liagt er
der zibuzi
 
wenn er sagt
daß er woaß
daß er nix woaß
na liagt er
der zibuzi
 
desweng
sagt er nix
der zibuzi
weil er woaß
daß er nix woaß
und desweng
sagt er nix
gar nix
der zibuzi

Indessen wußte Hoerburger selbst doch noch ein Stück mehr. Denn ihm gelang die Entdeckung des berühmten und lange verschollenen Codex schnub XIIa aus dem 13. Jahrhundert, einer musiktheoretischen Abhandlung eines anonymen Autors von ganz erheblicher Bedeutung für die Forschung.

Der Wissenschaftler Felix Hoerburger begann seinen Weg, als er 1941 bei Rudolf von Ficker mit einer Arbeit über Musik aus Ungoni promovierte. Ficker warb damals für eine weltweite Sicht der Musik. Rückblickend betrachtet, scheint er Hoerburger damit tiefgreifend geprägt zu haben; er mag ihn dazu veranlaßt haben, die Musik des Instrumentengespanns aus Kegeloboe und Trommel von Jugoslawien und Westafrika durch Asien hindurch bis Taiwan zusammenhängend zu untersuchen. Seit jenem kleinen Aufsatz in türkischer Sprache über den Gebrauch des Davul in Tunesien von 1954 zog sich die Beschäftigung mit diesem Thema durch sein wissenschaftliches Werk bis zu der übergreifenden Darstellung in dem Aufsatz Zur weltweiten Verbreitung der orientalischen Volksoboe, der 1986 in dem Sammelband Volksmusikforschung publiziert worden ist. Erst 1994 konnte seine wichtige umfassende Studie über diese Musik in einem begrenzten geographischen Bereich publiziert werden: Valle popullore. Tanz und Tanzmusik der Albaner im Kosovo und in Makedonien, mit der Hoerburger sich im Jahre 1963 habilitiert hatte. Ebenfalls 1994 wurde das Fragment einer Monographie mit dem Titel Über die Kegeloboe in der chinesischen Volksmusik veröffentlicht, die Hoerburger leider nicht mehr hatte vollenden können.

Nach dem Krieg und nach kurzer Gefangenschaft wurde Felix Hoerburger 1947 im damaligen Institut für Musikforschung an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Regensburg angestellt und bekam den Auftrag, vor allem auf dem Gebiet der Sammlung und Erforschung der Volksmusik zu arbeiten. Volkstanz und Volkstanzforschung einerseits und instrumentale Volksmusik andererseits wurden seine beiden zentralen Forschungsgebiete.

Seit etwa 1948 sammelte er handschriftliche Notenbücher der bayerischen Blas- und Tanzmusiken, zunächst vorwiegend im Hinblick auf seine Untersuchung der Zwiefachen, aus der schließlich das 1956 erschienene Standardwerk Die Zwiefachen hervorging, das 1991 nachgedruckt wurde.
Später wurde diese Sammeltätigkeit ausgeweitet mit dem Ziel einer Denkmälerreihe unter dem Titel Musikalische Volkstradition in Bayen, als deren erster Band 1977 der Band Achttaktige Ländler aus Bayern veröffentlicht wurde.

Hoerburger, den Hans Oesch den "verdienstvollen Förderer ethnomusikologischer Forschung in Deutschland" genannt hatte, war nach Kurt Reinhard "wohl einer der ersten, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg der Volksmusikforschung zuwandten" und "der erste Deutsche, der nach dem Kriege musikethnologische Feldforschung betrieb". Diese Darstellung berichtigte Hoerburger in seinen Erinnerungen an erste Versuche auf dem Gebiet der musikethnologischen Feldforschung: "Ich befand mich damals in der Situation, als "Fußlappen", das heißt, als einfacher Infanterist in den Osten zu marschieren. Das bedeutete Gewaltmärsche bis an den Rand völliger Erschöpfung. Daß ich unter diesen Umständen noch die Kraft hatte, an musikethnologische Forschung zu denken, scheint mir heute nur so erklärlich zu sein, daß ich in Gedanken der schrecklichen Gegenwart entfloh und mich mit einer fernen Hoffnung hypnotisierte. Faktum ist jedenfalls, daß ich bereits zwei Tage nach überschreiten der russischen Grenze auf eine Weise, an die ich mich jetzt nach einem halben Jahrhundert nicht mehr erinnern kann, in einem ersten russischen Dorf, das von seinen Bewohnern noch nicht völlig verlassen war, mit einem Balalaika-Spieler in Verbindung kam. Der spielte mir, in der Überzeugung, daß ihm sein Umgang mit mir Belästigungen von anderer Seite ersparen würde, eine Reihe von einfachen Stücken vor. Das war der Anfang, der mir im Laufe der kommenden Monate, also bis zum Zusammenbruch der Ostoffensive im Herbst des Jahres 1941, zu einem kleinen Sammelmaterial von gut einem Dutzend aufgezeichneten Tanzstücken verhalf."

Der außerplanmäßige Professor für Musikwissenschaft an der Universität Regensburg reiste bereits 1952 nach Jugoslawien und in die Türkei. Bis 1976 folgten zahlreiche weitere Reisen nach Tunesien (1954), Rumänien (1958), Jugoslawien (1959), Griechenland (1959, 1963, 1965, 1970, 1972, 1975), Afghanistan (1966, 1968), Nepal (1966, 1968) und Taiwan (1976). Immer galt dabei den Lebensgesetzen der instrumentalen Volksmusik, mit denen er sich in seinem Buch Musica vulgaris von 1966 eingehend beschäftigt hatte, sein besonderes Interesse. In seinen beiden wertvollen Monographien Volksmusik in Afghanistan von 1969 und Studien zur Musik in Nepal von 1975 legte er konkrete Ergebnisse vor.

1980 schließlich unternahm er als "Morbikularrepräsendent" jene berühmt gewordene Expedition, bei der ihm seine enge und stets vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhlinhaber für Schnubikologie und Musikdemologie an der Universität Unterdinxbichl wertvolle Entdeckungen und Publikationen von höchster wissenschaftlicher Bedeutung ermöglichte. In seinem Buch Kynische Diatribe über die kuriöse und höchst gefährliche Expedition in die Provinzen jenseits der paflakubischlbanischen Grenze, quo loco sunt leones, von 1985 hat er einen wissenschaftlichen Bericht über diese Reise publiziert.

Seit 1968 arbeitete Felix Hoerburger an der Universität Regensburg als einer der führenden Musikethnologen in Forschung und Lehre bis zu seiner Versetzung in den Ruhestand im Jahre 1976. Charakteristisch für den Weltbürger Hoerburger war stets seine zurückgezogene Art zu arbeiten. Geblieben ist die Erinnerung an den akademischen Lehrer, der es immer verstanden hatte, der stets kleinen Schar seiner Studenten Anteil an dem reichen Schatz seines Wissens zu geben, und dessen Vorlesungen sich immer durch eine ausgeprägte Anschaulichkeit auszeichneten. Untrennbar damit verbunden war die Vermittlung einer Fülle unterschiedlichster Höreindrücke.

Seit einer Reihe von Jahren war es still geworden um Felix Hoerburger. Gesundheitliche Rücksichten hatten es erzwungen. Zuletzt blickte er aus einem Regensburger Zimmer auf die Welt: auf die literarische, die ihn nicht völlig losgelassen hatte, auf die wissenschaftliche, die er verlassen hatte. So galt für ihn die Weisheit des chinesischen Philosophen Laotse, die schon immer ihre Gültigkeit für Felix Hoerburger besaß, in einem geradezu praktischen Sinne: "Nicht aus dem Hause hinausgehen und wissen, was in der Welt vorgeht..."

Am 3. Februar 1997 ist Felix Hoerburger von seiner schweren Krankheit erlöst worden.

Herzlichen Dank an Anne Hoerburger für die Fotos und an Dr. Thomas Emmerig für die Biografie.