Gitarrentechniken II

Slide / Glissando
Slide oder Glissando (gliss.) bedeutet: gleitende, rasche Tonfolge und kann auf- oder abwärts, kurz oder lang, langsam oder schnell, legato oder shift und in der schwierigsten Form auch "ausgespielt" werden.
Im Blues, Rock und Jazz wird der Slide mit einer Linie zwischen den Noten
dargestellt.
In der Klassik, in der diese Technik eher eine untergeordnete
Rolle spielt, wird der Begriff Glissando verwendet und mit einer Linie und
Bogen zwischen den Noten dargestellt.
Slide-Notation
Das Slide-Zeichen ist eine Linie zwischen zwei Noten. Der Ausgangston
ist der Anfang des Slides, beziehungsweise der Slide-Bewegung, der Zielton
das Ende.
Der wichtigere Ton ist der Zielton. Dieser sollte immer genau
angefahren werden und mit dem Finger, der dem Fingersatz der Phrase oder
Melodie zugrunde liegt.
Der Slide (Glissando), beziehungsweise die Slide-Linie kann wie folgt notiert werden:
- zwischen zwei Hauptnoten
- zwischen Vorschlagsnote und Hauptnote (Grace-Slide)
- direkt auf oder von einer Hauptnote

Slide-Richtung
Die Richtung eines Slide wird aus der Tonperspektive abgeleitet:
Aufwärts-Slide
von einem tieferen Ton zum Zielton (Hauptnote)Abwärts-Slide
von einem höheren Ton zum Zielton (Haupnote)

Slide-Länge
Die Länge eines Slide wird vom Ausgangston zum Zielton definiert:
kurzer Slide
Halbton (1 Bund)
Ganzton (2 Bünde)langer Slide
drei Halbtöne (3 Bünde) und mehr

Slide-Geschwindigkeit
Die Geschwindigkeit eines Slide wird durch die Notenwerten definiert:
langsamer Slide
zwischen zwei Hauptnotenschneller Slide
zwischen Vorschlagsnote und Hauptnote Slide-Linie allein vor oder nach einer Noteausgespielter Slide
Beim ausgespielten Slide wird die Geschwindigkeit des Slide dem rhythmischen Anschlag angepasst. Es entsteht ein chromatischer Lauf auf einen Zielton mit einem Finger. (Ein schwierigeres Beispiel - über 12 Bünde - ist das Glissando im Intro von Pipeline.)
Tipp: Grundsätzlich soll die Bewegung des Slide (Greifhand) dem rhythmischen Anschlag Anschlagshand) angepasst werden und nicht umgekehrt. Also zuerst auf einem Ton den Rhythmus spielen und dann "Sliden".

Legato-Slide / Shift-Slide
Beim Legato-Slide wird der Ausgangston angeschlagen und
der Zielton durch das druckvolle gleiten über die Bünde erzeugt.
Die Notationsart: Slide-Line mit Legato-Bogen, wird nur noch
in der Klassik verwendet.
Der Shift-Slide wird zwischen zwei normal angeschlagenen
Tönen durch mehr oder weniger druckvolles gleiten über die Bünde
erzeugt.
Der Shift-Slide wird eher als Phrasierung oder Artikulation
von Tönen betrachtet und durch eine Slide-Line ohne Legato-Bogen dargestellt
und kann somit auch, die Notation betreffend, mit einem Legato-Slide verwechselt
werden

Anwendungsbeispiel
Blues-Phrase / A-moll-Pentatonik / V Lage
- Der Slide, am Anfang der Phrase, wird mit dem Zeigefinger (1), als kleines
Barré über die 1. und 2. Saite gegleitet:
- langsamer - kurzer (Halbton) Slide - zwischen zwei Hauptnoten - aufwärts
- Der Slide, in der Mitte der Phrase, besteht aus einer Kombination zweier
Slides. Mit dem Mittelfinger (3) wird von der Vorschlagsnote zur Hauptnote
und zurück gegleitet:
- schneller - langer (Ganzton) Slide - zwischen Vorschlagsnote und Hauptnote (Grace-Slide) - aufwärts
- schneller langer (Ganzton) Slide - zwischen zwei Hauptnoten abwärts
- Der Slide, am Schluss der Phrase wird nach dem ausgehaltenen Ton abgegleitet:
- schneller - langer Slide - von der Hauptnote weg - abwärts
Bending
Als Bending wird die Gitarrentechnik des "Saitenziehens" bezeichnet,
die vorwiegend im Blues und Rock verwendet wird.
Die unterschiedlichen Bendings sind von der Art der Gitarre, der Saitenstärke
und den Stilrichtungen abhängig.
E-Gitarre
Bei einer Saitenstärke von .008 bis .010 (1. Saite als Bezugssaite
in Inch) können Ganzton-Bendings ohne grosse Mühe ausgeführt
werden. Es ist sogar möglich bis zu einer kleinen Terz ( = 3 Halbtöne
/ Overbends) zu ziehen. Ab einer Saitenstärke von .011 sind nur noch
Halbton-Bendings möglich.
Akustikgitarre
Bis zu einer Saitenstärke von .011 können Blues-Bendings und Halbton-Bendings
gespielt werden.
Klassikgitarre
Nylonsaiten reagieren auf Bendings viel träger als Stahlsaiten. Dennoch
kann mit etwas Übung bis zu einem Halbton gezogen werden. Also können auch
Blues-Bendings (Viertelton-Bending) gespielt werden.
Ziehrichtung
Die Ziehrichtung der Finger kann auf- oder abwärts sein:
aufwärts (bend upward) - zur 6. Saite hin - Die 1. und 2. Saite werden grundsätzlich aufwärts gezogen. (Sonst würde man über den Rand des Griffbrettes ziehen.)
abwärts (bend downward) - zur 1. Saite hin - Die 5. und 6. Saite werden grundsätzlich abwärts gezogen.
Intonation
Die Intonation, d.h. das zielgenaue Treffen eines Tones erfordert ein
gutes Hinhören.
Aufgepasst: die Ziehbewegung fühlt sich bei jeder Gitarre und Saitenstärke
etwas anders an!
Tipp: Zuerst sollte der Zielton des Bendings normal oder mit einem Slide gespielt werden, um die genaue Tonhöhe zu hören und ein Vergleich zum gezogenen Ton zu haben.
Bending-Typen
Bezeichnungen (engl.):
Bend (Bending)
Den angeschlagenen Ton um einen Viertel-, Halb- oder Ganzton ziehen.Bend and realease
Einen Halb- oder Ganzton ziehen und wieder zurück. Nur die erste Noten wird angeschlagen.Reverse Bend / Pre-Bend
Den Ton ziehen, dann anschlagen und zurückziehen (entspannen).Re-Pick Bend
Der gezogene Ton wird nochmals angeschlagen.Unison Bend
Es werden zwei Saiten mit verschiedenen Tönen angeschlagen und die tieferklingende Saite bis zum gleichen Ton der höheren Saite gezogen.
(unisono = gleichstimmig)Overband
Alles was über einen Ganzton gezogen wird. Wird meist auf der 3. Saite gespielt.Bending behind the nut / bridge
Die Leersaite wird durch das Runterdrücken der Saite hinter dem Sattel oder Steg (wenn möglich) gezogen.
Etwas umständlicher ist wenn ein Akkord gegriffen wird und mit der Anschlagshand (rechte Hand) hinter dem Sattel der Saite runtergedrückt wird.
Vibrato-Bending (wide Vibrato)
Ein starkes Vibrato durch leichtes ziehen und zurückziehen (entspannen) der Saite.
TAB-Abkürzungen
Die Bendings haben keine einheitlichen Bezeichnungen und Symbole für
Noten und Tabulaturen.
In den folgenden Notenbeispielen verwende ich für die verschiedenen
Bending-Typen eckige Legatobögen (Bindebögen) und für das
Blues-Bending den Pfeil mit 1/4. In der Tabulaturnotation sind die Bendings
mit Pfeilen dargestellt.
Abkürzungen in den Tabulaturnotation (internationale Notenausgaben und Zeitschriften):
| BU | Bend upward |
| BD | Bend downward |
| PB | Pre-bend |
| LD | Let down |
| RPB / RP | Re-pick bend |
| LB | Let back |
| BSS | Bend slightly sharp (Blues-Bending) |
| BSF | Bend slightly flat |
Blues-Bending
Das Blues-Bending wird als Blue note mit dem Zeigefinger (1)
als Viertelton-Bending "abwärts" gezogen - zur 1. Saite hin.
Die Blues-Bending-Beispiele werden auf der Skala der A-Moll-Pentatonik
oder der Blues-Skala in der 5. (V) Lage gespielt und können von allen
Gitarrentypen verwendet werden.

Achte auf die genaue Tonhöhe der Wiedergabe!
Der 1. Takt verwendet ein Viertelton- (1/4), der 2. Takt ein Drittelton-Bending (1/3). Bei einem länger ausgehaltenen Ton klingt das Drittelton-Bending besser.
Blues-Phrase
Allman Brothers Band / Don't Want You No More

Blues-Phrase (Riff):
Freddie King / San-Ho-Zay

Achte darauf, dass das e1 auf der 2. Saite möglichst nicht gezogen wird!
Ganzton-Bending
Die Ganzton-Bendings werden in den folgenden Beispielen mit dem Ringfinger (3) als Ganzton (= 2 Bünde höher) "aufwärts" gezogen. Der Mittelfinger (2) und eventuell auch der Zeigefinger (1) unterstützen den Ziehfinger (3). Die Ganzton-Bendings-Beispiele sind nur für E-Gitarre geeignet und werden mit der Skala der A-Moll-Pentatonik in der 5. (V) Lage gespielt.
Tipp: Mit der Akustik- oder Klassikgitarre kann an Stelle des Ganzton-Bendings ein Slide gespielt werden.

| 1. Takt | Ganzton-Bending - langsames Ziehen |
| 2. Takt | Ganzton- und Revers-Bending - langsames Ziehen und Zurückziehen (Entspannen) |
| 3. Takt | Ganzton-Bending - mittelschnelles Ziehen |
| 4. Takt | Ganzton-Bending - schnelles Ziehen |
Rock-Phrase

Einfaches Ganzton-Bending - mittelschnelles Ziehen
Rock-Phrase

Ganzton-Bending - ziehen und wieder zurück (bend and realease).
Achte auf das genaue Einhalten der Notenwerte (Tonlängen).
Rock-Phrase

Ganzton-Bending - schnelles Ziehen
Die Vorschlagsnoten (kleine Note mit durchgestrichenem Fähnchen) fordert
ein schnelles Ziehen (Grace note bend)
Rock-Phrase
Chuk Berry

Zeigefinger (1) greift ein kleines Barré über die 1. und 2. Saite und wird währen der ganzen Phrase liegen gelassen. Finger 3 zieht die 3. Saite einen Ganzton und lässt diese beim Erklingen der 2. Saite los. Das Zusammenklingen (Unisono) der gezogenen 3. Saite und der 2. Saite soll vermieden werden.
Halbton-Bending
Die Halbton-Bendings werden in den folgenden Beispielen mit dem Ringfinger einen Halbton (= 1 Bund höher) aufwärts gezogen.
Spiele die Phrasen zuerst ohne Bending, um den Verlauf der Melodie zu hören. Achte auf die genau Intonation (Tonhöhe) des gezogenen Tones und den Melodierhythmus (Swing-feel).
Blues-Phrase

Blues-Phrase

Revers-Bending
Beim Revers-Bending (Pre-Bend) wird zuerst gezogen, dann angeschlagen und dann folgt das hörbare "Runterziehen".
Blues-Phrase

Unisono-Bending
Das Unisono-Bending (Unison Bend) kann am einfachsten auf der 2. und 3. Saite ausgeführt werden.
Rock-Phrase
Jimi Hendrix / Highway Child

Zeigefinger (1) greift den normalen Ton auf der 2. Saite. Ringfinger (3) greift die 3. Saite einen Ganzton tiefer und zieht dann unisono (gleichstimmig) zum Ton der 2. Saite.
Zweisaiten-Bending
Das Zweisaiten-Bending (Double-Bending) erfordert mehr Kraft und kann nur auf weichen Saiten genau ausgeführt werden.
Rock-Phrase

Dieses Beispiel stammt aus der Rock-Praxis. Der Kleinfinger (4) auf der
2. Saite zieht genaugenommen einen Halbton, der Ringfinger (3) gleichzeitig
auf der 3. Saite einen Ganzton.
Der tiefere Ton muss nicht genau einen Ganzton gezogen werde.
Ein Halbton oder auch ein wenig höher klingt auch gut.
Vibrato
Vortragsbezeichnung für Sänger, Blas-, Streich und Zupfinstrumentalisten durch eine Wellenlinie über den Noten gefordert, bedeutet eine rasche geringe Tonhöhenschwankung.
Flageoletts
Flageolett-Töne (engl. harmonics) werden auf Saiteninstrumenten durch leichtes Aufsetzen des Greiffingers auf den Teilungspunkten (1/2, 1/3, 1/4 usw.) einer Saite erzeugt.

